Aufstehen um 4.45 Uhr, Betrachtung in der Kirche um 5.15 Uhr, Heilige Messe um 6.10 Uhr, Frühstück im Schweigen, danach Spülen und Arbeit – wie Kirchenputz oder Gartenarbeit – bis 10.15 Uhr. Lesung, Unterweisung, Ordensausbildung, Mittagessen und Mittagsgebet.
Es ist ein Vormittag, den sich viele Leute nicht vorstellen können. Doch so sieht jeder Morgen für die vier jungen Novizinnen im Auerbacher Kloster aus. Novizinnen sind Frauen, die ihre Vorbereitungszeit im Kloster verbringen, bevor sie ihre Gelübde ablegen, um christliches Ordensmitglied zu werden.
In Auerbach sind das Schwester Cordis (30), Schwester Marie-Therese (38), Schwester Madita (28) und Schwester Vincenta (21). In Auerbach dauert das Noviziat zwei Jahre. Doch wieso entscheidet man sich als junge Frau dazu, das Leben als Ordensschwester zu führen? Wir haben sie gefragt.
Schwester Cordis
Ausbildung: Bürokauffrau
Ich bin gläubig großgeworden. Als Teenager habe ich früh gemerkt, dass z. B. Fortgehen ganz schön ist, jedoch fehlte etwas, es blieb doch immer eine Leere zurück. Die Sehnsucht nach etwas, das mich wirklich erfüllt und nicht nur für den Moment schön ist, ließ mir keine Ruhe. Mit 26 habe ich mir dann konkret die Frage gestellt, wie es weitergeht. Willst du eine Familie gründen oder geht es in Richtung Kloster?
Ich bin hier im Kloster in Auerbach schrittweise hineingewachsen. Ich durfte hier bereits vor zwei Jahren einziehen und das Leben verbindlicher kennenlernen.
Zeit für Hobbies? ? Ein Zeitvertreib, wie z. B. Filme schauen, ist für mich nicht mehr wichtig. Gott ist einfach größer geworden, und alles andere wird in dem Sinne kleiner, da verändert sich die Priorität.
Gibt es noch Zweifel? Kämpfe hat man immer. Wenn ich meine, etwas geht nicht, weiß ich, dass Gott bei mir ist, ich mich auf ihn verlassen kann und er mir immer hilft.
Schwester Marie-Therese
Ausbildung: Chemielaborantin und Tierärztin
Ich bin nicht gläubig aufgewachsen, aber habe mir lange die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Dann hat Jesus „angeklopft”. Als meine Mutter 2020 nach einem Unfall schwerverletzt im Koma lag, begann ich den Rosenkranz zu beten – sie wurde fast vollständig wieder gesund. Seit Dezember 2021 bin ich in katholischen Gebetsgruppen aktiv und wurde 2023 in die Katholische Kirche aufgenommen.
Berufung ist etwas ganz Schönes. Man sieht im Nachhinein, wieso manche Dinge nicht so gelaufen sind, wie man es sich gewünscht hat: Ich habe Gott so oft die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber er hat immer wieder angeklopft. Jetzt habe ich die Gewissheit, dass ich Gott vertrauen kann.
Zeit für Hobbies? Vor dem Klostereintritt wollte ich mich immer sinnhaft beschäftigen. Jetzt fehlt mir nichts, im Gegenteil: Es ist ein großes Geschenk, Zeit mit Gott verbringen zu dürfen.
Gibt es noch Zweifel? Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und man fällt auch mal auf die Nase. Gott ist geduldig. Er fängt mich immer auf und hilft mir, wieder aufzustehen und weiterzugehen.
Schwester Madita
Ausbildung: Zahnmedizinische Fachangestellte, Betreuungsassistentin
Vorher habe ich ein anderes Leben gelebt. Ich habe den Glauben nicht praktiziert. Es war ein Prozess, dass ich mich immer tiefer auf Jesus einlassen konnte. Jesus schafft es mit Humor und sehr kreativ die Angelschnur auszuwerfen und den Fisch zu fangen.
Ich vertraue, dass Gott den besten Plan hat. Ich bin auch noch am Wachsen, ich muss mir vieles aneignen, das ist eine Lebensaufgabe bis zum Tod.
Zeit für Hobbies? Ich habe immer gerne gesungen, jetzt singe ich im Schwesternchor mit. Das Leben dreht sich um Gott.
Gibt es noch Zweifel? Man hat Herausforderungen, geistige Kämpfe auch außerhalb des Ordenslebens. Ich habe so viel mit dem lieben Gott erleben dürfen – man weiß nie, was morgen und was übermorgen ist.
Schwester Vincenta
Ausbildung: Pflegefachfrau
Ich bin groß geworden in einem katholischen Elternhaus. Schon früh hatte ich einen tiefen Glauben. Ich hatte einen Urgroßonkel hatte, der selbst Ordensmann war. Mit sechs Jahren hat er mich eingeladen, ihn zu besuchen. Ich war sehr beeindruckt: Er lebte in völliger Armut und war trotzdem total glücklich.
Als Teenager wurde die Sehnsucht immer größer. Ich konnte hier in Auerbach zur Schule und habe in der 9. und 10. Klasse hier gewohnt, und habe auch hier meine Ausbildung gemacht.
Zeit für Hobbies? Es gibt Sachen die braucht man nicht mehr.
Gibt es noch Zweifel? Kleine Kämpfe sind normal, wie: „Wieso ist das jetzt so, ich habs mir doch anders vorgestellt”. Jetzt darf ich mich auf die Gewissheit berufen, dass der Herr mich führt.
Der Kontakt zur Außenwelt ist für die Novizinnen in Auerbach eingeschränkt. Ihr Handy haben die vier Frauen abgegeben. „Ich finde es eine Freiheit, nicht mehr dem Handy unterworfen zu sein, ich habe es noch nicht vermisst”, sagt Schwester Marie-Therese. Kein Handy bedeutet auch kein Instagram oder WhatsApp. „Ich bekomme gerne Briefe”, sagt Schwester Madita. Im ersten Halbjahr des Noviziats empfangen die vier im Kloster keine Besuche. „Der Fokus wird darauf gelegt, dass wir erstmal ankommen”, sagt Schwester Vincenta. Schwester Cordis ergänzt: „Und dass wir uns auf das Leben hier fokussieren.” Telefonieren mit der Familie ist aber erlaubt. Nach dem ersten Halbjahr der Ausbildung darf dann auch die Familie zu Besuch kommen.
Innere Freiheit durch Glauben
Auf den ersten Blick, vielleicht auch noch auf den zweiten und dritten, wirkt das Ordensleben sehr streng. Doch die vier Novizinnen sind sich einig: „Es sieht eng aus, aber man kriegt eine innerliche Freiheit”, sagt Schwester Vincenta. „Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, was für Kleidung ich anziehe: Ich habe ein Ordenskleid und das schaut immer gut aus“, sagt Schwester Marie-Therese. Auch Schwester Cordis bestätigt das: „Ich lief erst durch die Stadt, früher hätte ich mir was kaufen wollen. Jetzt nicht, das ist befreiend.” Und Schwester Madita: „Das Irdische ist eher ein Gefängnis. Jesus hat mir die wirkliche Freiheit gezeigt.“