Eine Familie aus Ebermannsdorf hat die Falsche Farm auf ihrem Hof geschaffen. Ein Raum, der unterschiedliche Menschen vereint – es ist wie eine Reise in die Welt hinaus, ohne das Grundstück zu verlassen.
Die Falsche Farm liegt etwas abseits von Amberg. Irgendwo im Nirgendwo. Ein großer Hof, der von außen unscheinbar wirkt. Der ehemalige Kuhstall thront über der früheren Weidefläche – dort, wo einst Kühe des Ökolandbetriebs standen, wird heute getanzt, diskutiert und musiziert. Vor knapp zehn Jahren haben Andis Eltern, Gertraud und Reinwald, die Viehwirtschaft aufgegeben. Leer steht der Hof seitdem aber nicht. Im Gegenteil. Hier wird kulturelle Vision gelebt. Erst beim Betreten zeigt sich, was wirklich dahintersteckt: eine Mischung aus Begegnungsort und Experimentierraum. Es ist „volles Haus“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine gedämpfte Gesprächskulisse mischt sich mit dem Klang von Instrumenten. Lichterketten hüllen alles in warmes Licht. Die „Falschen Farmis“ – Andi, der kreative Kopf des Projekts, seine Lebenspartnerin und Mitinitiatorin Bianca sowie seine Eltern Gertraud und Reinwald – mischen sich unter die Besucher.
Auf der selbst gezimmerten Tribüne sitzen einzelne Grüppchen, an einer langen Tafel sind zahlreiche Speisen aufgetischt – viele Hände arrangieren Teller, Besteck und Servietten. Jugendliche „jammen“, auf der Wiese wird gezeltet, Kinder toben herum. Währenddessen lauschen Eltern Vorträgen, der DIY-Holzboden wird zum Dancefloor. Selbst die Trocken-Trenn-Toilette, die die „Falschen Farmis“ zusammen mit einer Amberger Montessori-Schule gebaut haben, wird zur Kunstleinwand. Draußen kommt Bianca gerade mit einem 9-Sitzer aus Amberg an – ein improvisiertes Shuttle, um ländliche Herausforderungen zu überwinden und die Angebote auch für Jugendliche zugänglich zu machen.
Die Familie nimmt Neuankömmlinge mit auf eine kleine Runde über das Gelände und zeigt, was hier seit 2021 entstanden ist und was noch wachsen soll. Auf dem Weg zur Feuerstelle bleiben sie immer wieder stehen, begrüßen Bekannte, stellen Menschen einander vor, wechseln ein paar Worte. Aus kurzen Begegnungen werden Gespräche. Das, was ihnen wichtig ist, wird sofort spürbar: einen Ort zum Ankommen schaffen, für alle, die auf der Farm vorbeikommen. Die Falsche Farm überrascht – und rückt ganz nebenbei die Frage in den Fokus: „Wie kann ein modernes, nachhaltiges und kulturell vielfältiges Leben auf dem Land aussehen, an dem möglichst viele verschiedene Menschen teilhaben und mitgestalten?“ Vielleicht ist es genau dieser Mix aus Improvisation und Offenheit, der der Region guttut: nicht alles einordnen zu müssen, nicht sofort zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, sondern gemeinsam auszuprobieren, was möglich ist.
Der Name des Projekts ergebe nicht nur eine „tolle Alliteration, mit der man spielen kann“, sondern solle bewusst irritieren, einen Diskussionsraum öffnen, der aktiv Reflexion anregt und Menschen ins Gespräch bringt. Andi belächelt die Namenshistorie hinter der Farm: „Wir möchten Räume schaffen, in denen sich Menschen wiederfinden und gemeinsam ergründen können, was richtig und falsch ist – ohne fertige Antworten, aber mit dem Anspruch, Dinge anders zu machen, aus der Ohnmacht herauszukommen und ins Handeln überzugehen.“
Hier trifft vermeintlich Richtiges auf vermeintlich Falsches. Ziel ist es, gemeinsam herauszufinden, was dazwischen liegt – denn genau in diesem Zwischenraum aus (Un)Wissen, (Un)Recht und (Un)Sicherheit entsteht für sie Kultur. Ein bunter Mix aus Themen, Menschen und Aktivitäten trifft hier aufeinander – oft Dinge, die zunächst nicht zusammenzupassen scheinen. Gemeinsam verfolgen die „Falschen Farmis“ mit ihrem Verein die Idee, den (T)Raum von echter Gemeinschaft und lebendiger Kultur in der Region Wirklichkeit werden zu lassen. Andi betont: „Nicht alles ist für alle.“ Doch gerade die Interessenvielfalt bringt Menschen zusammen und lässt ein Netzwerk entstehen, das über einzelne Veranstaltungen hinausreicht.
Auf der Farm gibt es unterschiedliche Ecken: eine für Instrumente, eine Tribüne und eine Art Tanzfläche, eine Spiel- und Kreativecke mit Tafeln. Außerdem noch weitere Möglichkeiten, sich auszutoben. Zur unterhalb gelegenen Wiese ist der Raum offen. Es wird deutlich, wie sehr alle auf ihre Art und Weise für das Projekt brennen. In ihren Räumen wird Gesellschaft ganz praktisch verhandelt. Dabei fungiert die Farm nicht als „Wischi-Waschi-Wohlfühlort“, sondern als Treffpunkt, an dem auch potenzielle Konflikte zwischen den Besuchern ausgehalten werden müssen. Gerade daraus entsteht im besten Fall etwas Verbindendes.
Wie sie dazu gekommen sind? Alles hat damit angefangen, dass Andi nach zehn Jahren Berlin seine Rückkehr in die Heimat ankündigt. „Wir haben uns natürlich sehr gefreut. Andi kommt wieder nach Hause zurück“, erinnert sich Reinwald. Er betont, seine Frau Gertraud und er seien bei der Idee ihres Sohnes einen Raum zu schaffen, an den man gerne zu Besuch kommt, gleich an Bord gewesen. Der Ökolandwirt habe schon lange vorgehabt, einige Projekte insbesondere im Bereich Ökolandbau umzusetzen und sei schon immer sehr offen gegenüber neuen Ideen gewesen. Die Falsche Farm biete die Gelegenheit, ein intergenerationales und buntes Konzept mitzuentwickeln.
Nachdem Andi das Großstadtleben zurücklässt und in sein Elternhaus in Diebis zurückkehrt, ist er getrieben von dem Wunsch, „Dinge anders machen zu wollen“. Er lässt diese Idee reifen, skizziert ein Konzept. Zu diesem Zeitpunkt ist die Beziehung zu Bianca, der ehemaligen Lehrerin aus dem Erzgebirge noch nicht offiziell, doch auch sie kommt auf den Hof. Zu viert bauen sie die Strukturen der heutigen Farm auf. So fließen neben Andis langjähriger Erfahrung aus Musik, Film und Kunst, Biancas Leidenschaft für Tanz, Vermittlung und Partizipation, Gertrauds kulinarische Expertise und Reinwalds Geschick in Sachen Handwerk und DIY in das Projekt.
Alles wird gemeinsam organisiert – und das im Rahmen eines Ehrenamtes, da beide, Andi und Bianca, nebenher noch Vollzeit arbeiten. Nach einem halben Jahr zieht das Paar vom Hof weg nach Amberg. Beziehung bildet die Grundlage für alles, was sie gemeinsam schaffen und planen. Bianca und Andi ist die Herausforderung der engen Verbindung von Beziehung und Herzensprojekt bewusst. Offene, funktionierende Kommunikation ist dabei essenziell – nichts darf sich anstauen, da sonst nicht nur Partnerschaft und Familie, sondern auch das Projekt gefährdet wird. Die vier wirken ausgeglichen, ergänzen sich gut und betonen auch, dass dies der Schlüssel zu ihrem Arbeits- und Lebensalltag ist. Der verschwimmt laut Bianca nämlich: „Da geht alles in eins über.“
Mit großen-kleinen Schritten erweitert die Falsche Farm stetig ihren Kreis. Bianca erinnert sich schmunzelnd: „Für die Eröffnung sind wir damals im Dorf von Haustür zu Haustür gegangen und haben persönlich eingeladen.“ Heute wächst das Netzwerk vor allem durch Mundpropaganda und persönliche Begegnungen auf Veranstaltungen – man lernt nicht nur Menschen kennen, sondern auch, wer dahintersteht. „Die Kreise verknüpfen sich“, sagt Reinwald. „Da haben wir uns schon ein richtig schönes Netzwerk aufgebaut.“ Begleitend dazu sind sie auch auf den sozialen Netzwerken präsent und betreiben eine Website.
2023 machen sie mit der Vereinsgründung einen großen Schritt: Der Verein wird von Andi, Bianca und Reinwald als Vorstand getragen. Zusätzlich ist der Ökolandwirt auch der Schatzmeister. Ziel ist es, Verantwortung breiter zu verteilen und Strukturen zu schaffen, die auch unabhängig vom Vorstand funktionieren. Mittlerweile haben sie 50 Mitglieder. Die Arbeit auf der Farm erfolgt größtenteils ehrenamtlich neben ihren Hauptjobs – entsprechend knapp ist die Zeit. Gleichzeitig bemühen sie sich, den offenen Charakter zu erhalten: getragen von einem „Vibe“, der möglichst wenig ausschließt und Raum lässt, auch wenn das mitunter fordernd sein kann. Insgesamt entwickelt sich die Falsche Farm stark aus Eigeninitiative und persönlichem Engagement heraus: Infrastruktur und Umbauten wurden größtenteils in Eigenleistung durch Mitglieder umgesetzt, unterstützt durch Sponsoring und Kooperationen.
Dass die Farm von außen manchmal schneller in eine Schublade gesteckt wird, als ihnen lieb ist, wissen sie. „Wir sind weder Hippie-Kommune noch vegane Lebensmittelinitiative oder Wellness-Oase auf dem Land“, erklärt Bianca. Sie wollen lediglich deutlich machen, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen Perspektiven hier aufeinandertreffen können und das auch sollen. Auch sind sie kein Dienstleister, kein „Partystodl“ und keine Hochzeitslocation. Mindset statt Monetarisierung – das ist ihr Anliegen.
Mit Formaten wie „TanTheMu“ (Tanz, Theater, Musik) erreichten sie in der Anfangszeit schon rund 120 Teilnehmende – ein emotionaler Moment für Andi, als ihm bei einem Auftritt klar wird: „Dafür machen wir uns den Stress!“ Wenn Menschen generationen- und milieuübergreifend gemeinsam zusammenkommen und kreativ werden – ein Erfolg. Externe Kunstschaffende und Initiativen leiten dabei Formate, kommen mit Interessierten ins Gespräch –die Falsche Farm schafft den Rahmen dafür. Vom queeren polnischen Künstler, der in einem Tanzworkshop die Verbindung von Allyship und körperlichem Ausdruck thematisiert, bis hin zu naturnahen Angeboten wie einem Baumschneidekurs, bei dem Besucher von Experten lernen, Kernobstbäume fachgerecht zuzuschneiden. Auch das Dialogformat „Sprechen & Zuhören“ in Amberg bringt regelmäßig eine Vielzahl verschiedener Menschen zusammen. Es zeigt aber auch, wie herausfordernd solche Räume sein können. Trotz anfänglicher Skepsis hat sich das Format etabliert und über die Farm hinaus weiterentwickelt. Außerdem hat Andi zusammen mit seiner Bekannten Verena eine erste Staffel vom Podcast „Liebe Leute“ aufgenommen. Dieser bildet unterschiedliche Menschen, Charaktere und ihre Perspektiven in unserer Region ab. Differenziert bewusst, thematisiert Tradition und Moderne.
Ein besonderer Fokus liegt auf jungen Menschen: Das Projekt „Phase – Raum für junge Kultur“ in Amberg, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Programm LOKAL, versteht sich als offener Raum für junge Menschen. Dort können sie zusammenkommen, sich kennenlernen und herausfinden, was sie bewegt und was sie von ihrem Umfeld, ihrer Stadt, ihrer Heimatregion einfordern wollen. Bei der wöchentlichen „Open Phase“ – immer dienstags – treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, vernetzen sich etwa über eine eigene WhatsApp-Community. Ziel ist, gemeinsam neue Formate rund um junge Kultur, von Tanzen, Kunst, Sport bis Gaming zu entwickeln. Mit Angeboten wie der „Phase“ reagiert die Farm auf eine spürbare Lücke für 16- bis 27-Jährige, die sich oft nach Gemeinschaft sehnen. Die Falsche Farm gibt dabei nur den Anstoß: Ziel ist es, dass die Jugendlichen den Raum selbst gestalten, eigene Ideen einbringen und daraus langfristig eine eigene Szene und Community entstehen lassen. Einmal im Jahr werden die entwickelten Projekte im Rahmen eines gemeinsamen Treffens auf dem Hof präsentiert – als eine Art
Festival, bei dem Austausch, Begegnung und neue Ideen im Mittelpunkt stehen. Ein wichtiger Schritt ist hierfür auch die neu geschaffene, staatlich geförderte Projektleitungsstelle im Rahmen der „Phase“ in Amberg.
Andi beschreibt das Landleben als ambivalent: „Früher dachte ich, hier gibt’s ja nix. Jetzt weiß ich: Hier gibt’s ganz viel!“ Für ihn geht es weniger darum, Kultur aufs Land zu bringen, als vielmehr darum, einzubeziehen, was schon da
ist, Perspektiven zusammenzuführen, Impulse zu geben und neue Blickwinkel zu eröffnen. „Es ist viel – aber es ist lustig“, ergänzt Bianca lachend. Am Ende steht im Fokus, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich eine eigene Meinung zu bilden, zu differenzieren und nicht zu pauschalisieren – etwas, das nicht immer leichtfällt, wie alle vier einräumen. Die „Falschen Farmis“ wünschen sich, dass Besucher, Mitglieder und Unterstützer einfach neugierig bleiben – als Anstoß, sich selbst, das eigene Leben und das Umfeld bewusster zu hinterfragen. Was noch geplant ist? „Kurz gesagt: viel“, gibt Reinwald lachend zu. „Aber wir haben keinen Fünfjahresplan.“ Neben den schon laufenden Projekten spielt insbesondere der Um- und Ausbau der Infrastruktur auf dem Hof eine große Rolle. Sie möchten die Sanitäranlagen ausbauen, ein Fremdenzimmer als „Künstlerresidenz“ gestalten, sowie einen geschlossenen Veranstaltungsraum schaffen mit Küche und Studio, um Veranstaltungen wetterbedingt nicht nur zwischen Mai und Oktober anbieten zu können.
Wichtig ist ihnen jedoch eins: gesunde und nachhaltige Strukturen im Verein zu schaffen, dabei Überlastung zu vermeiden und mehr Menschen aktiv einzubinden. Kontinuierlich an Themen rund um sensible Sprache, Diversität und Repräsentation zu arbeiten und zugleich eine offene Haltung zu bewahren. Im Fokus steht dabei, Begegnungen zu ermöglichen und Raum zu lassen, auch Fehler zu machen und daran zu wachsen. Nach einer Dekade in der Großstadt ist Andi anfangs überzeugt, sich durch die vielen Einflüsse eine klare Meinung gebildet zu haben. Doch der Wechsel zurück aufs Land stellt diese Vorstellung zunächst infrage. Er begegnet dieser Ambivalenz mit der Erkenntnis, dass im Leben kaum etwas wirklich sicher ist – auch die eigene Meinung nicht. Gerade die Vielfalt an Menschen und Perspektiven ist zugleich bereichernd und ein wenig beunruhigend. Zwischen vielen unterschiedlichen Gesichtern, aufgeschnappten Gesprächsfetzen und einem entspannten Miteinander wird am Ende des Tages schnell klar: Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen wäre sich abseits der Farm wohl nie begegnet – hätte nie gemeinsam am Lagerfeuer gesessen, Lebensgeschichten ausgetauscht oder die Nacht in einem Tipi verbracht. Gut, dass sich „falsch“ für viele so richtig anfühlen kann.